Hab ich nun gewonnen?

 

Die Sonne scheint, ich sitze mit meiner Oma im Garten. Die Frage die mich quält, „wo ist das Pferd?“ 
Neben mir stapeln sich viele Kärtchen, bei ihr sind es weniger. 

Ich hab das Pferd gefunden, somit bleiben nur mehr die Hunde.

Hab ich nun gewonnen?

 

Auf jeden Fall freut sie sich. Sie freut sich, dass ich fast alles gefunden hab, also freu ich mich auch.

 

 

Kindergarten

Ich muss aufstehen, möchte aber schlafen. Mama meint ich soll was Essen, wir müssen los. 
Mama hält mir die Tür auf und verabschiedet sich. Ich setzt mich zur Wand, dort hängt Wolle. 
Ich flechte gefühlt den ganzen Tag, ich störe niemanden.

Hab ich nun gewonnen?

 

Es ist jeder zufrieden, also bin ich es auch.

 

Volksschule

Ich freu mich, ich bin jetzt schon groß, ich darf lernen. Ich bin die Erste die ihren Namen in Schreibschrift schreiben kann. 
Gut, ich hab nur 3 Buchstaben, aber ich darf stolz sein, alle anderen sind es ja auch.

Hab ich nun gewonnen?

 

Es ist zumindest niemand enttäuscht, also bin ich es auch nicht.

 

Hauptschule

Ich bemüh mich, ich muss jetzt alles geben. Ich bin nicht dumm, ich muss es ihnen zeigen. 
Ok, ein paar Leute können bessere Texte schreiben, besser rechnen und sich Sachen besser merken, aber ich weiß ich schaff es. 

Ich muss es schaffen, sonst schafft man es ja nicht auf eine gute Schule. 

Ich hab nicht versagt.

Hab ich nun gewonnen?

 

Niemand ist wütend, also bin ich es auch nicht.

 

Oberstufe

Ich kämpfe. Ich kämpfe jeden Tag. Kämpfe gegen das System, kämpfe gegen meine Faulheit, kämpfe gegen mich selbst. 
Ich muss bestehen. Jetzt bin ich so weit gekommen, ich darf nicht aufhören. 

Ich zweifle. Ich zweifle jeden Tag. Ich zweifle an dem System, zweifle an meinem Können, zweifle an mir selbst. 

Warum schaff ich es einfach nicht, warum sieht jeder nur meine Fehler, warum nimmt mich niemand mehr wahr?

Hab ich nun verloren?

 

Um mich herum ist jeder enttäuscht, traurig und wütend. Also bin ich es auch.

 

 

Ich trau mir nichts zu, ich halte mich auf. 

Ich kann es nicht, also möchte ich es nicht.

 

Ich mach lieber nichts, bevor ich versage. 

Ich schaffe es nicht, also versuch ich es nicht.

  
Ich hör mir nicht zu, ich spreche nur nach. 

Ich glaube mir nicht, also bin ich nicht.

 

Die Frage die quält, schreit ganz laut hinaus.

Wer gewinnt in einem Spiel ohne Sieger?

 

Ich brech einfach aus, mach mein eigenes Spiel.

Mir entgegnet viel Wut, Trauer und Neid. Ich höre nicht drauf, spiel fröhlich vor mich hin.

Mein Tempo, meine Gedanken, mein Versagen, mein Erfolg.

Ich bin nun da, ich gewinne.

Ich gewinne in meinem Spiel des Lebens.